Baron Samedi – oder – der einsame Tod …

Eine kleine Einleitung zum besseren Verständnis:

Ghede, auch Gede oder Guèdè geschrieben ist eine große Familie von Loa, die den Tod und die Fruchtbarkeit verkörpern. Um es kurz zu machen: Der „Chef“ der Gedes ist Baron Samedi sowie seine Frau Maman Brije. Beide „regieren“ über diejenigen Toten-Seelen, die zu Lebzeiten vergessen wurden und nach deren Ableben vom Baron höchstpersönlich aus dem „Fluss des Vergessens“ geborgen und in seine Familie aufgenommen wurden. Es werden von ihm nur jene Seelen „geborgen“ die ihr Leben auf eine Art gelebt haben, die – sagen wir mal – „sehr intensiv“ war.

Wenn hier von „Erscheinen und Aussehen“ gesprochen wird, so bezieht sich dies auf deren Erscheinung in Träumen, oder ganz handfest, in Bessessenheit – wenn sich der Baron einen Körper leiht und diesen für eine bestimmte Zeit für sich in Anspruch nimmt. Dabei bevorzugt er dann entsprechende Kleidung etc. was hier in folgendem Text ausführlicher besprochen wird. In seltenen Fällen manifestiert er sich auch einfach mal so – ähnlich der Erscheinung eines Geistes (nur undurchsichtig) – der dann einfach wieder im Nichts verschwindet.

 

Baron Samedi, der Totenspirit des haitianischen Vodou

 

Herr über Leben und Tod – der Loa des Todes und des Neubeginns.

Alpha und Omega. Anfang und Ende.

Ja, er wird auch Dein Grab schaufeln und Dich am Kreuzweg treffen, wenn Deine Stunde geschlagen hat, um Dich in sein Totenreich zu geleiten. Oder aber, er schenkt Dir ein paar Minuten, ein paar Stunden mehr, vielleicht auch Monate, vielleicht auch Jahre. Ganz wie er mag, ganz wie er es für richtig hält. Dein Leben liegt in seinen Händen.

Er ist niemand anders als Baron Samedi.

 

Er wird verehrt und gefürchtet, gehasst und geliebt. Als einer der Haupt-Loa des haitianischen Vodou stellt er das Bindeglied zwischen Leben und Tod dar. Ein schwarzes Kreuz auf einem Grab ist sein Symbol. Er ist das ewige Leben, der ewige Abgrund und damit Anfang und Ende zugleich. Zusammen mit seinen Brüdern Baron La Croix und Baron Cimetiere, ist er für den Schutz der beerdigten Toten zuständig. Nicht nur für deren Seele, sondern auch für deren Körper, welcher nun nach und nach zu Staub verfällt. Er ist der Vater derer Seelen, die vergessen wurden, die niemanden auf der Erde haben, der um sie trauert, ihr Grab pflegt (wenn sie denn überhaupt eines haben), der für sie betet. Wer Glück hat, wird von Baron Samedi aus dem Fluss des Vergessens gezogen und Mitglied seiner riesigen Familie der Ghede, den meist lustigen Totengeister des Vodou.

 

Sein bedrohlicher, ja geradezu dunkler Ruf eilt ihm stets voraus – was ihn immer wieder aufs Neue prächtig amüsiert.

Er ist der Narr – der stets die Wahrheit spricht – besonders zum Entsetzen derer, die diese doch so gerne verborgen hätten. Sein Spott ist unendlich, sein Sarkasmus zügellos, sein Humor schwärzer als die Nacht die ihn umgibt. Ein Dämon? Ein Engel? Man weiß es nicht. „Ja“ antwortet er, wenn er dazu befragt wird, zwinkert und grinst. Er liebt das Leben und bedeutet es den Menschen gleich zu tun. „Warum so griesgrämig Madame? War Ihr Gatte nicht gut zu Ihrer Pussy?“ Auf schelmische, teils überaus laszive Art, oder hemmungslos ordinär, treibt er die menschliche Sexualität auf die Spitze. Sein liebstes Thema. Ist er doch auch für die „Wiedergeburt“ zuständig – und die funktioniert eben nur, wenn sich die Menschen einander hingeben.

 

Wer hier rote Ohren bekommt, ist nicht mehr vor ihm sicher. Mit einem breiten Grinsen, einem ganz speziellen Blick in den Augen sucht er sich bei einem Vodou Fest gekonnt denjenigen aus der Menge, der dieses Thema gerne vermeiden möchte. Sexualität ein Tabuthema? Nicht für ihn! Er konfrontiert denjenigen der ihm begegnet mit seinen geheimsten Sehnsüchten und sexuellen Wünschen – und – ups – plaudert diese in aller Öffentlichkeit und in einer riesigen Lautstärke aus, damit es auch die Person in der hintersten Reihe gut hören kann …


 

Baron Samedi – charmanter kann der Tod nicht sein …

 

Er liebt es sehr, die Menschen zum Lachen zu bringen und freut sich, wenn diese endlich ihr Leben genießen. Keiner weiß so gut wie er, wie schnell das Leben zu Ende sein kann, wie kurz es ist – gleich einem Wimpernschlag der Ewigkeit. Gerade darum vermeidet er es den Menschen in seiner überaus präsenten Gestalt als „Gevatter Tod“ zu begegnen. Seine Betonung liegt auf dem Leben, nicht auf dem unvermeidlichem Ende, das jedes Leben in sich birgt.

 

 

Die Launen des Barons …?!

 

Dennoch wird seine unberechenbare Art oft als „launisch“ beschrieben. Außenstehende mögen diesen Charakterzug tatsächlich als solchen empfinden. Lässt er doch – wenn er mag – jemanden angeblich „einfach so“ an einem Zauber sterben.  Wie er handelt, wenn er gerufen wird, obliegt tatsächlich ganz seinem Willen. Man kann ihn niemals zu etwas zwingen (das kann man übrigens keinen Loa), man kann nur höflich darum bitten oder einen entsprechenden Vorschlag unterbreiten.

Das Selbe betrifft auch den Schutz. Wenn er mag, beschützt er Dich, wenn er nicht mag, lässt er es bleiben. Auch die Bezahlung für einen Zauber scheint beliebig. Mal möchte er für seinen auszuführenden Zauber nur eine Flasche Rum, mal ein ganzes Fest, mal reicht es einfach schwarz zu tragen  – und mal hat er Deine Bitte schon erhört, bevor Du diese überhaupt ausgesprochen hast.

Er ist absolut ehrlich – auf eine sehr direkte und unverblümte Art.

 

Der kosmische Trickster

Der Baron wird auch oft als Trickster bezeichnet. Er hält sich weder an Regeln, noch lässt er sich in irgendeine Form pressen. Nichts ist ihm mehr zuwider als Struktur und Starre. Er spielt mit der kosmischen Ordnung, hält Dir den Spiegel vor die Nase und bringt buchstäblich alles durcheinander was Du als Deine Wahrheit zu sehen meinst.

Sein Charakter ist zwiespältig, auf der einen Seite bricht er jegliche Regeln, auf fröhlichste Art und Weise, auf der anderen Seite liebt er es Konflikte zu provozieren, Dich an Grenzen zu bringen, von denen Du keine Ahnung hast, dass diese existieren. Nicht um Dich zu zerstören, sondern – um daraus letzten Endes Neues zu erschaffen.

Er liebt es verschiedene Charaktere anzunehmen und kreiert sich täglich aufs Neue.

 

Der wütende Baron

So locker wie er sein kann, so streng und eiskalt kann er sein. Das ist die Seite, die man als Mensch nicht erleben möchte. Lässt Du es an nötigem Respekt mangeln, verarscht ihn, hältst Dich nicht an Abmachungen oder greifst einen seiner Familienmitglieder an, zieht er Dir den Zahn noch bevor Du bis drei zählen kannst. Dann lernst Du eine Seite kennen, die besser im Dunkeln geblieben wäre.

Wer ihn verärgert, sollte daher das Echo vertragen können – und das kann vermutlich kein existierendes Wesen …

 

Der einsame Baron

Die, die ihm nahe stehen, lernen ihn auf eine andere Weise kennen.  Als einer der meistgefürchtetsten Loa des haitianischen Vodou, scheint er auch – wie Maja Deren treffend beschrieb – einer der einsamsten Loa zu sein. Man stelle sich folgende Situation vor: Du befindest Dich auf einer wunderbaren Party. Alles ist prima, die Musik ist gut, das Essen vorzüglich und die Stimmung ausgelassen. Plötzlich erscheint der Baron, aus dem Nichts, genau neben Dir. Zieht seinen Hut und grinst.

Was geht in Deinem Kopf vor? Mit Sicherheit wird Dir die Düse gehen. Du wirst vom Schlimmsten ausgehen, davon dass es nun vorbei ist, das dies die letzten Augenblicke Deines Lebens sind, vielleicht wirst Du wütend, vielleicht traurig. Aber mit Sicherheit wirst Du ihm nicht auf die Schulter klopfen und sagen: “ Hey Baron Samedi, cool Dich zu sehen, komm trink einen mit mir!“ Du wirst die Hosen gestrichen voll haben. So sind wir Menschen.

Dass der Baron sich vielleicht einfach nur amüsieren wollte, daran würden wir in dieser Situation nicht denken.

Das ist der Grund, weshalb der Baron sich höchst selten vor einer Person manifestiert und wenn er bei einem Vodou Fest eine Person „reitet“  meist in seiner ausgelassenen, fröhlichen Art erscheint. Es liegt ihm fern, eine ungute Stimmung verbreiten zu wollen. Er hat es auch einfach nicht nötig. Er weiß, dass er die Macht hat, uns Menschen jederzeit das Licht auszuknipsen. Schnipp – Ende.

Steht man ihm sehr nahe, spürt man manchmal einen gewissen Schwermut, denn er weiß, egal wie herzlich die Leute über seine Scherze lachen, es wird immer eine leise Furcht mitschwingen. Tatsächlich frei und ungelöst sind die Menschen selten, wenn sie ihm begegnen. Der Tod ist immer ein ungern gesehener Gast, egal welche Kleidung er trägt und egal ob er noch so lustig in Erscheinung tritt. Wer küsst schon gerne den eigenen Henker?

 

Begegnet ihm daher ein Mensch mit ehrlicher, offener Herzlichkeit und aufrichtiger Liebe, macht dieser seinen Service für Baron Samedi herzlich und zuverlässig, vertraut ihm und sieht ihn als Teil seiner eigenen, engsten Familie, so ist er – dem man keine Gefühlsregung zugestehen würde – im wahrsten Sinne des Wortes berührt „bis auf die Knochen“. Demjenigen begegnet er mit einem Sanftmut der seines Gleichen sucht. Dem ist er ein wahrer Freund, ein Vater, ein Lehrer, ein Beschützer – all das, von was wir sonst nur träumen können. Dann kommt man zu dem Punkt an dem es unvorstellbar ist, ihn womöglich je wieder ziehen lassen zu müssen und sei es vielleicht im eigenen Tod …

 

Nimmt man den Baron ernst in all seinen Facetten, dann tut er es auch. Er gilt nicht umsonst auch als einer der weisesten Loa und gibt nur zu gerne seine Ratschläge preis, wenn er ehrlich um seine Meinung gefragt wird.

Wer ihn in sein Leben, in sein Herz einziehen lässt, ihn ernst nimmt und von Herzen liebt, hat in diesem Loa ein Freund auf Ewigkeit gefunden.

 

In diesem Sinne – Kwa Bawon Samdi! Kwa Simbo! Kwa la kwa! Kwa deye kwa!