Buch mit Kerze

Traum im Polarnebel (Juri Rytchëu)

Ich möchte Euch heute ein wunderschönes Buch ans Herz legen, das durch seine Wärme unsere kalten Herbsttage vergessen lässt:


An der Nordostküste Sibiriens liegt die Tschuktschensiedlung Enmyn. Dreißig Tage Fußmarsch, durch die bittere Polarkälte der Tundra, trennen den Kanadier John Mac Lennan von der rettenden Krankenstation. John wurde durch einen Unfall, ausgelöst bei dem Versuch das Schiff, auf dem er mitfuhr, vom Eis freizusprengen, schwer an beiden Händen verwundet. Sein Leben hängt am seidenen Faden, auf dem Schiff kann er nicht gerettet werden und so vertraut der Kapitän das Leben seines Schützlings den Tschuktschen an, mit dem Versprechen an der Küste auf die Wiederkehr von John zu warten. Die Einheimischen erklären sich bereit, den fremden Weißen auf ihrem Hundeschlitten zur rettenden Krankenstation zu bringen. Nach ein paar Tagen leidet John jedoch an schwerem Fieber, der Wundbrand ist bei ihm ausgebrochen.
Der Weg zum Arzt ist zu weit und seine freundlichen Helfer sehen als einzige Möglichkeit sein Leben zu retten, den Fremden zur Schamanin Kelena zu bringen. Dort angelangt amputiert diese ihm fast alle Finger …

Als John und seine Helfer wieder zum Dorf zurückkehren, ist das kanadische Schiff längst in See gestochen. John wurde von seinen „Freunden“ im Stich gelassen.

Enttäuscht und der Verzweiflung nahe, wird er von den Tschuktschen aufgenommen und umsorgt. Nach und nach fasst er Vertrauen zu den „Wilden“, lernt ihre Wärme und Lebensweise zu schätzen und wird langsam einer von ihnen. Als sein Freund Toko bei einem Jagdunfall stirbt, sorgt er sich nach altem Brauch um dessen Ehefrau und Kind. Seine Liebe zu den Tschuktschen, die ihn ihrerseits langsam als „echten Menschen“ sehen, wird trotz Hungerwinter und eisiger Polarkälte immer größer. So beschließt er eines Tages für immer bei seinen neuen Landsleuten zu bleiben …

Leseprobe:

»Selbst der Hund braucht Zeit, bis er lernt, mit den Wölfen zu heulen, Son aber ist ein Mensch. Er kommt aus einer Welt, in der man nicht gern teilt, sondern dem anderen lieber noch das Letzte wegnimmt. Kannst du da erwarten, daß er unsere Gewohnheiten sofort übernimmt? Du sagst, seine Gegenwart bei unseren Bräuchen gefalle dir nicht. Hast du aber auch bedacht, wie schwer es ihm fallen muss, sein ganzes Leben umzustellen und auf das zu verzichten, was ihm teuer ist?«